Gymnasium Marianum
Meppen
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Studienfahrt Toskana 2010

 
Von Steffi Kempker und R. Wilkens
Die teutonische Invasion der Toskana mit 73 Schülerinnen und Schülern des Doppel-jahrgangs stellte nicht nur die vier Begleitlehrer auf eine (Mut-) Probe.

Nach 12 stündiger, anstrengender Fahrt mit den nagelneuen Bussen der Firma Wessels (gelenkt von den Brüdern Matthias und Rudi) kam die Gruppe am späten Sonntag in das sehr zentral gelegene Städtchen Lido di Camaiore. Hier verteilten sich die Fraktionen auf zwei kleine Hotels der Brüder Crudeli. Mit ihren hervorragenden englischen Sprachkenntnissen waren diese schnell in der Lage die emsländischen Kommunikationsbarrieren zu durchbrechen. Die Gruppe um Herrn und Frau Klinger bezog das Haus dei Geranei , die Fraktion von Frau Reinke und Frau Wilkens das direkt gegenüber liegende Ornella. Beide von der Firma Albatours gestellte Hotels waren damit voll belegt und standen nur unserer Reisegruppe zur Verfügung. Der endlose Strand der Versilia-Küste zwei Straßen weiter ließ am Nachmittag das ersehnte Bad im Meer zu. Fortan trafen sich die wiedervereinigten Schüler häufig abends an der neuen Seebrücke.

Am nächsten Montag begann das Kulturprogramm im Bergdörfchen Vinci, dem Ge-burtsort von Leonardo da Vinci. Auf der Fahrt vorbei an den typischen Villen, die hoch oben über der Straße auf den Bergen thronten, bekamen die Fahrtmitglieder einen Eindruck von der Lebensweise des ehemals etruskisch geprägten Hinterlandes. Wie in der Renaissance, als die Naturbezogenheit und der Lebensstil des römischen Bauernvolkes imitiert wurde, ist man auch heute noch stolz auf die „Villegatura“, den Aufenthalt in Villen auf dem Lande. Im inzwischen renovierten Museum in Vinci konnten die Fahrtteilnehmer die nachgebauten Modelle der Maschinen des Renaissancegenies Leonardo in Gang setzen.

Pisa bot nicht nur einen Blick auf den schiefen Turm, an dem Galilei angeblich seine Fallgesetze erforschte, sondern auch auf das Gebäude-Ensemble des Campo di Miracoli, einem der schönsten Plätze Europas. Das westliche Mittelmeer wurde mehrere hundert Jahre durch Pisa beherrscht. Bereits in den 60er Jahren erfolgte am schiefen Turm eine Betoneinspritzung in den Untergrund, die jedoch zur Stabilisierung nichts nutzte. Nach langen Diskussionen wurde jetzt folgendes Verfahren angewandt: Man vereiste den Untergrund, hob den Boden aus, spritzte ein Betonfundament ein und richtete den Turm mit Zugseilen etwas auf. Natürlich wurde er nicht ganz aufgerichtet, denn sonst käme kaum noch ein Tourist nach Pisa.

Nach Besichtigung des Doms und des Baptisteriums stellte sich zum Erschrecken ei-niger sensiblerer Gymnasiasten heraus, dass man im Campo santo monumentale über die beerdigten Mitglieder des erzbischöflichen Stuhls laufen musste. Auch die Toten der medizi-nischen und naturwissenschaftlichen Fakultät der berühmten Universität von Pisa befanden sich unter den Füßen der Reisegruppe. Die unglaublich plastischen Höllendarstellungen auf den Fresken dieses steinernen Friedhofs rundeten den leicht makabren Eindruck ab.

Vom Kulturschock des ersten Tages konnte sich die Truppe während des von den Brüdern Crudeli credenzten, leckeren italienischen Abendessens erholen. Typisch toskanisch wäre ein Menue mit „Trippa“ gewesen. Dabei handelt es sich um Kutteln, das heißt Einge-weiden, zum Beispiel um den Labmagen einer Kuh. So fiel der Verzicht auf diese lokale Rarität leicht. Die von den Hoteliers eingeforderte und überwachte Schlafenszeit ab 24.OO Uhr fanden die Begleitlehrer wunderbar, die Schüler entwickelten kreative Anpassungsmethoden für die folgenden Nächte; die Lehrer begeisterten sich hingegen wiederum an sehr frühen morgendli-chen Abfahrtzeiten. Die Führungen der folgenden Tage wurden unter Mithilfe der sehr sympathischen Familie Giuntoni organisiert.

Eine abenteuerliche Fahrt in die gewaltigen Marmorbrüche von Carrara „Bleibt dicht zusammen, es ist hier nicht ganz ungefährlich“ erhöhte den Behindertenstatus von eins (Eike, der schon mit Krücken auf die Fahrt kam) auf zwei: Felix, der in der Marmorfabrik von einer flotten, attraktiven Italienerin überfahren wurde, überstand die Prozedur mit nur geringen Blessuren. Wir nannten ihn fortan „Felix robustus“ und die anhängliche Attentäterin lud ihn in ihr Bergdörfchen Colonnata ein. Die gefürchteten 20 Tonnen Transportlaster mit ihren überdi-mensionalen Marmorblöcken richteten wider Erwarten ebenfalls keinen Schaden an, was sicher an den unglaublichen Fahrkünsten der beiden Wessels-Brüder lag.

Nach erholsamer Mittagspause im Carrefour, dem großen Einkaufscenter von Massa, folgte am Nachmittag eine gemütliche Führung durch Lucca, Heimat berühmter Musiker wie Puccini und Paganini. Die etruskische Stadt beschwor mit den engen verwinkelten Gassen, dem baumbewachsenen Torre Guinigi und den großen Renaissance- Festungsringen die kriegerische Vergangenheit der toskanischen Stadtstaaten herauf. In der römischen Geschichte bewanderte Schüler identifizierten bereits auf der Hinfahrt die antike Herkunft der von Sulla mit Pinien bepflanzten Heerstraßen. Bereits 180 vor Christus wurde Lucca römische „colonia“ und ist damit älter als Florenz oder Pisa. Der Name Lucca kommt übrigens von Luc = Sumpf. Das erste Triumvirat (Caesar, Crassus, Pompeius) wurde hier verabredet. Die von den Fahrtteilnehmern besichtigte Kirche des heiligen Michael vereinigt romanische und pisanische Muster sowie Einflüsse aus dem sarazenischen Bereich. Marmorköpfe zeigen u.a. auch Napo-leon und Viktor Emmanuel; im Inneren gab es außerdem Gemälde von Filippo Lippi sowie Majolika der Familie de La Robbia zu bestaunen. Eine kleine Erfrischungspause im umgebauten römischen Amphitheater schloss die Führung ab. Nach der Fahrt blieb noch genug Zeit für einige Seminarfachteilnehmer aus der Gruppe Klinger in Lido de Camaiore Projekte vorzubereiten.

An den nächsten beiden Tagen teilten sich die beiden Gruppen auf. Im Wechsel fuhren sie entweder mit dem Bus nach Florenz oder mit dem Zug an die Cinqueterre. Florenz, eine Gründung von Caesar, stand also am Mittwoch oder alternativ am Donnerstag auf dem Pro-gramm. Es gab Gelegenheit zur Besichtigung des einzigartigen Skulpturenparks auf der Piazza della Signoria oder der Uffizien (älteste Gemäldegalerie der Welt) und anderer Sehenswür-digkeiten wie den Boboli –Gärten aber auch einige Stunden Freizeit zum eigenen Vergnügen. Als eine der führenden Bekleidungs- und Schmuckzentren Italiens bot Florenz endlich etwas für weibliche Anhänger der Haute Couture. Nach einem Bummel über die einschlägigen Märkte machten diese dann neu ausgestattet eine viel bewunderte„bella figura“.

Der Besuch der Cinque Terre, einer ligurischen Seeräuberküste, stellt sicher das High-light einer jeden Fahrt nach Norditalien dar. Das hat schon Lord Byron, der berühmte englische Dichte und Kämpfer für die griechische Unabhängigkeit so beschrieben. Die fünf unzu-gänglichen Dörfer wurden im 19. Jahrhundert mit der Bahn erschlossen. Ausgedehnte Klippen-Wanderwege, das azurblaue Meer und ein fast schon capreses Klima lassen ein süditalienisches Flair entstehen. Trotz der Ankündigung diverser Meeresmonster (Seeigel, Petermännchen, hochgiftige Quallen, evt. auch Haie) und fehlender Badeanzüge ließ sich ein Sprung in die Mittelmeerfluten nicht vermeiden.