Von M. Voetlause
Ein Besuch von Erna de Vries an unserer Schule
Zum dritten Mal besuchte Frau Erna de Vries aus Lathen unsere Schule,
um Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 10
aus ihrem Leben als Jüdin während der NS-Zeit zu
erzählen. Zunächst wurde den Schülern der
biografische Film „Ich wollte noch einmal die Sonne
sehen“ gezeigt, an dessen Herstellung auch ehemalige
Schüler des Marianums mitgewirkt haben.
Der Film zeigt Stationen aus der Jugend der 1923 in Kaiserslautern
geborenen Erna Korn: Die zunächst unbeschwerte Kindheit, die
schwierigen Jahre nach dem Tod ihres Vaters 1930, den Besuch eines von
Franziskanerinnen geleiteten Lyzeums, der ihr aus
Kostengründen bald nicht mehr möglich ist, die
Fortsetzung der Schulausbildung in einer jüdischen
Sonderklasse, die erste Arbeit in einer Näherei, die
Pogromnacht, in der das Haus völlig verwüstet wird,
die Flucht nach Köln, wo Erna und ihre Mutter bei Freunden
unterkommen, die beginnende Ausbildung zur Krankenschwester, die Erna
1942 abbrechen muss, die Rückkehr nach Kaiserslautern und die
Deportation nach Auschwitz 1943.
Erna wird nach einer Selektion in den Todesblock verlegt und wie durch
ein Wunder von dort in das KZ Ravensbrück deportiert. Ihre
Mutter wird in Auschwitz ermordet. Erna Korn überlebt den
Holocaust. In Auschwitz hatte ihre Mutter ihr prophezeit, sie
würde überleben und der Nachwelt von den
Gräueln dieser Zeit erzählen. Dies bezeichnet Frau de
Vries als wichtigsten Antrieb dafür, dass sie nun viel
unterwegs ist, um den Menschen, vor allem den Jugendlichen,
über ihre schlimmen Erfahrungen zu erzählen.
Im Anschluss an den Film haben die Schüler die Gelegenheit
genutzt Frau de Vries nicht nur nach Erfahrungen, sondern auch nach
ihren Gefühlen damals und heute zu befragen. Ob es
Auswanderungspläne gegeben habe, ob Angst und Hass eine
wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt hätten und ob sie sich
vorstellen könne, dass derartige Verbrechen auch heute noch
oder wieder geschehen könnten. Die Frage, ob sie damals Hass
gegenüber ihren Peinigern empfunden habe, verneint die
Lathenerin vehement. Weder im Lager, noch in späterer Zeit
habe sie Hass empfunden: „Hass ist verkehrt. Er bringt
beiden, dem Gehassten und dem Hassenden, Unglück.“
Sie sei mit ihrem jüdischen Mann, den sie nach dem Krieg
kennengelernt habe, nach Lathen, in sein Heimatdorf gezogen. Obwohl sie
dort auch die ehemaligen Nazis gekannt hätten, hätten
sie sich immer darum bemüht, mit allen im Frieden zu leben.
Auf die Frage, ob sie Hass von Seiten der Aufseher im Lager erfahren
habe, erklärt Frau de Vries, sie habe den Eindruck gehabt,
dass bei allen Grausamkeiten und Härten die Aufseher eher
blind Befehlen gehorcht hätten, als aus Hass zu handeln.
Sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch die
begleitenden Lehrer haben nicht nur bedrückende
Eindrücke über die finsterste Zeit deutscher
Geschichte vermittelt bekommen, sondern in der Person von Erna de Vries
auch erfahren, dass hinter jedem der zahlreichen Opfer des Holocaust
ein ganz persönliches Schicksal steht.
Wir danken Frau de Vries für ihren Besuch an unserer Schule
und für die Bereitschaft, so offen über ihre
Erfahrungen zu sprechen. Diesen Dank haben die Schülerinnen
und Schüler mit einem kleinen Blumenstrauß zum
Ausdruck gebracht.
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