Von M. Fuest
Ein Hauch von universitärem Geist wehte am Freitag in unserer
Aula. Extra
aus Göttingen war Dr. Rüdiger Singer, der am dortigen Seminar
für Deutsche Philologie der Universität lehrt, angereist,
um die Schülerinnen und Schüler des 12. und 13. Jahrgangs mit
seinem Vortrag „Zum Lachen und zum Heulen: Strategien des
sozialen Dramas bei Gerhart Hauptmann und Ödön von
Horváth" auf die bevorstehenden Abiturprüfungen
vorzubereiten. Dr. Singer,
der auf Grund von Verspätungen der Deutschen Bahn erst später
als vorgesehen eintraf, erläuterte zunächst anschaulich die
Theorie von Tragödie und Komödie, indem er Bezug nahm auf ein
aktuelles Beispiel für das „soziale Drama“ aus dem
Film des
deutsch-türkischen Regisseurs Fatih Akin „Gegen die
Wand“.
So konnte leicht der Bogen von den Theaterkonzeptionen eines
Aristoteles sowie Aristophanes bis hin zu denjenigen von
Klassik und Naturalismus gespannt werden, um sie schließlich zur
Tragikomödie „Die Ratten" sowie zum Volksstück
„Geschichten aus dem Wiener Wald" in Beziehung zu setzen.
„Frau John und Pauline Piperkarcka entsprechen in diesem Sinne
durchaus der Vorstellung von Aristoteles von einem ‚mittleren
Helden’“, erläuterte Rüdiger Singer den
Schülern in der bis
auf den letzten Platz besetzten Aula des Gymnasium Marianum.
Hinsichtlich der „Geschichten aus dem Wiener Wald" stellte Dr.
Singer heraus, dass gerade durch die Regieanweisungen und
die Dialoge besonders in der ersten Szene der Kontrast zwischen der
scheinbaren Idylle, die fast schon kitschig wirkt,
und dem realen Bewusstsein von Kleinbürgern wie auch
Großbürger deutlich zur Sprache kommt und gleichzeitig ihr
Gerede
als Bildungsjargon entlarvt wird.
Die letzten Thesen des Vortrags konnten angesichts der knappen Zeit nur
noch gestreift werden, doch wurde unmissverständlich
deutlich, dass beide Dramen die patriarchalen Strukturen der
Gesellschaft sowie den konservativen Ungeist kritisieren und
zur Veränderung auffordern.
Weil Dr. Singer für seinen Vortrag die freie Rede gewählt
hatte, konnte er sich der konzentrierten Aufmerksamkeit der
Schüler sicher sein, so dass es ihm überzeugend gelang, die
zentralabiturrelevanten Themen „soziales Drama" sowie
„Tragikomödie“ auf den Punkt zu bringen. Die
Schüler dankten es ihm mit großem Applaus.
Hermann Reinke, Fachobmann für das Fach Deutsch, bedankte sich
beim Referenten und wünschte den Schüler, dass es für
sie nach der Prüfung mehr Anlass zum Lachen
denn zum Trauern geben möge.
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